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Tiervisite in Riggisberg

Ein Pony im Altersheim

Er ist der beste Therapeut: Wenn das Pony Vulkan die Bewohner des Altersheims in Riggisberg besucht, kommt es zu zärtlichen und heilenden Momenten.

Simone Lippuner
Publiziert: 28.08.2020, 17:11

Vulkan und seine Fans: Heidi Mächler (links) und Käthi Gerber haben sich schon seit Tagen auf den Besuch des Ponys gefreut.
Foto: Beat Mathys

Er ist ziemlich leise für einen Vulkan. Beinahe geräuschlos ist er im Anmarsch, seine Hufe trippeln über den Teppichboden, nur ab und zu schnauft er etwas lauter aus. Und doch: Wenn er um die Ecke biegt, ist niemand überrascht. Die Bewohner des Altersheims Riggishof in Riggisberg bereiten sich seit Tagen auf den Besuch des Minishetlandponys vor. Frisch gekämmt und hübsch gekleidet sitzen sie im Gruppenraum und warten gespannt darauf, dass Vulkan sie für einen kleinen Moment aus dem Heimalltag reisst.

Seit einigen Jahren schon gehört die Tiervisite zum festen Programm des Altersheims Riggishof. Zwei- bis dreimal jährlich packt Jeannette Furer von der Tierranch in Hindelbank Vulkan in den Transporter und fährt nach Riggisberg. Lädt ihn aus, bindet ihm einen Korb für den Kot um den Hintern, klopft den Staub aus Fell und Mähne, spricht ihm gut zu.

Vulkan weiss nun genau, was zu tun ist: Einfach nur da sein – mit seiner ganzen Sanftmut und Sensibilität, mit seinem Wesen, das genau zu spüren scheint, was die alten Menschen brauchen. Schon stehen einige am Fenster oder auf dem Balkon und winken dem Tier zu.

Im Bettenlift zu den Bewohnern: Das Liftfahren hat Jeannette Furer mit Vulkan geübt. Foto: Beat Mathys

Endlich wieder schmusen

Selbstbewusst betritt Vulkan den Bettenlift. Das hat Jeannette Furer mit ihm geübt, genau wie das Treppenlaufen. Ansonsten hat das 13-jährige Pony kein Extratraining absolviert, damit es ins Altersheim darf. Und doch wirkt sein Besuch oft wie eine Therapie. «Er kann gut auf die verschiedenen Menschen eingehen», sagt Furer. Bei eher lauten, einnehmenden Personen nimmt er sich zurück und beobachtet, scheue Menschen lockt er mit einem Nasenstupser aus der Reserve.
Seine riesigen, dunklen Augen mustern die Menschen, nehmen jede auch noch so kleine Regung und Bewegung wahr. Einige Bewohner lassen sich Hände und Arme abschlecken, lachen aus vollem Herzen, weil die Berührungen des Ponys kitzeln. «Wie lange habe ich nicht mehr so geschmust», sagt etwa Heidi Mächler und schlingt ihre Arme um den Hals von Vulkan. «Aber es ist halt so. Das ist das Leben.»

«Wie lange habe ich nicht mehr so geschmust», sagt Heidi Mächler, als sie die Arme um den Hals des Ponys schlingt. Foto: Beat Mathys

Vulkan bringt den Heimbewohnern willkommene Abwechslung und Freude. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, wo Besuche seltener und komplizierter sind und eine Zeit lang gar ganz verboten waren, ist eine solche Tiervisite Balsam für die Menschen. «Das Bedürfnis ist riesig», sagt Katharina Friederich, Fachverantwortliche Aktivitäten und Veranstaltungen. Jedes Mal würden spannende Sachen passieren, sagt sie, gebe es rührende Momente. «Vor einiger Zeit besuchte Vulkan eine bettlägerige Frau in schlechtem Gesundheitszustand, die seit Tagen ihre Augen nicht mehr öffnete. Nach dem Besuch des Ponys stand sie auf und ging auf den Balkon.»

Der Austausch mit dem Tier entspanne auch; so sei es schon vorgekommen, dass Bewohner danach loslassen und in Frieden sterben konnten, erzählt Friederich.

Wollblumen und Kekse

Im Altersheim leben 50 Bewohner, ein Grossteil von ihnen stammt aus der Umgebung und kennt sich bereits aus der Schulzeit, viele der älteren Menschen haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund. Das mag der Grund für die Sympathie zum Pony sein – oder eben nicht. Auch wenn es nur sehr wenige sind, gibt es doch Bewohner, die mit Vulkan nichts anzufangen wissen. «Wenn Pferde nur Nutztiere waren, besteht oft keine emotionale Bindung», sagt Katharina Friederich.

Bei den meisten Senioren aber weckt das Pony gute Gefühle und Erinnerungen. «Du bisch aber e Schöne», sagt Käthi Aeschbacher, Ende August feiert sie ihren 93. Geburtstag. «Es richtigs Schätzeli, genau wie meine Sissi», sagt die alte Frau und strahlt. Sissi war ihr Pferd, früher, vor vielen, vielen Jahren, als sie auf einem Hof in der näheren Umgebung lebte. Sie krault Vulkans Hals, will ihn kaum mehr gehen lassen. Doch der muss weiter – er wird im zweiten Stock erwartet. Auf dem Weg dorthin schnappt das Pony kurz nach den Blumen, die als Dekoration auf den Tischen stehen – merkt aber sofort, dass sie nur gestrickt sind.

Bei Käthi Aeschbacher löst Vulkan Erinnerungen aus. «Mein Pferd hiess Sissi», sagt die 92-Jährige, die Tiere sehr gerne mag. Foto: Beat Mathys

«Er darf sowieso nicht naschen», sagt Halterin Jeannette Furer und zerrt ihn an der Leine sanft weg. Es sei sehr wichtig, dass er keine Leckerli aus der Hand erhält, da er sonst allenfalls beissen könnte. Das muss sie den Bewohnern hin und wieder sagen. Auch eine Dame im 1. Stock hält bereits eine rote Keksdose auf dem Schoss bereit: «Heidi, mach die Büchse zu», ermahnt Betreuerin Katharina Friederich, die ebenfalls um das Naschverbot weiss.

Der Kreis schliesst sich

Nach einer Stunde ist der Besuch vorbei. Für Vulkan ist es Arbeit und Vergnügen zugleich. Er wirkt doch etwas erschöpft, als er sich zum Abschluss im Garten austoben und Gras fressen darf. «Ich weiss nicht genau, ob und welche Emotionen er aus dem Heim mitnimmt», sagt Jeannette Furer. «Aber auf jeden Fall passiert auch mit ihm etwas.»

Vulkan sei wie die Verbindung zwischen den Generationen. Es gibt Nachmittage, da reiten die kleinen Kinder auf seinem Rücken. Und Nachmittage, da lenkt er alte Menschen ab. Parallelwelten, die doch so viel gemeinsam haben. Schon rein äusserlich: Der Spielzeug-Holzstall mit den Tieren im Korridor des Altersheims zum Beispiel steht in derselben Ausführung in manchem Kinderzimmer. Oder die bunten Zeichnungen an der Wand – sie zeigen die vier Jahreszeiten –, die auch in einem Hort hängen könnten.
Symbole, die dafür stehen, dass sich der Kreis zum Lebensende schliesst. «Kinder und alte Menschen haben sehr vieles gemeinsam», sagt denn auch Katharina Friederich. «Sie verstehen sich oft ohne Worte. Genau wie Tier und Mensch.»

Tiervisite in Riggisberg Beitrag aus der Berner Zeitung BZ. Publiziert: 28.08.2020, 17:11

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